Neuschnee steht für einen multidisziplinären Ansatz zur Erforschung von alpinen Winterwelten, mit dem Ziel, Veränderungen anzustoßen, die in ein modernes touristisches Geschehen in den winterlichen Bergen einfließen – bewegt Berge!
Alles bestens …
Österreich hat seit den 1950er Jahren kontinuierlich an seiner führenden Anbieter-Position im Wintertourismus gearbeitet. Der Bewirtschaftungsraum Berg zeichnet sich hierzulande durch nahezu perfekte Infrastruktur aus. Modernste Pisten- Lift- und Beschneiungsanlagen stehen für die Gäste, der bis ins Detail durchdachten Angebote der Gastronomie zur Verfügung. Trotz Krisenstimmung ist das Geschäft mit dem Schnee ziemlich stabil.
… oder doch nicht?
Gleichwohl sind weitere Entwicklungsschritte gefragt. Moderner Tourismus bedeutet, sich über die klassischen wirtschaftlichen Bezugsgrößen hinaus zu orientieren und neue Wege einzuschlagen. Es geht um Schritte, die noch viel klarer in Richtung der tiefen emotionalen Bedürfnisse der Gäste gehen.
Was tut sich auf den Pisten neues?
Ein ähnliches Bild zeigt sich im Bereich des Schneesports selbst. In diesem Feld haben bedeutende Entwicklungen stattgefunden; das Snowboard, die Freeride Bewegung, die Carving Skis, … Spielarten, die neben technologischen Innovationen auch kulturelle Elemente einbringen und das zukünftige Bild der Pisten zu prägen beginnen. Sowohl die Art sich am Schnee zu bewegen – die Umsetzung, Verarbeitung von Energie erfolgt in wesentlich effizienterer Form und führt zu veränderten Wahrnehmungen des Schnee Erlebnisses – als auch der freiere Zugang zum Erlernen dieser jungen Sportarten, sind Momente, die diese Veränderungen prägen.
Der Unmanageable Consumer regiert! ‘Multioptionale Konsumenten’ oder ‘Fragmentierung der Märkte’ lauten gängige Diagnosen. Konsummuster werden immer schwerer erkennbar, Zielgruppen weisen eine immer geringer werdende Halbwertzeit auf und einmal erzielte Wettbewerbsvorteile werden flüchtig. Strategisches Marketing entwickelt daher Methoden, um die Vorstellungswelten von Konsumenten zu erfassen und daraus Maßnahmen für die Weiterentwicklung eines Geschäfts abzuleiten.
Franz Liebl, Professor für Strategisches Marketing, Universität der Künste Berlin
Also doch?
Schön und gut – denn es war höchste Zeit für die Schnee-Avantgarde! Nachdem das Bild nicht mehr ausschließlich vom uniformen Repräsentationsstil geprägt ist, können nun auch noch ganz andere Bedürfnisse Platz im Schnee nehmen. Das Projekt Neuschnee beschäftigt sich, mit der Schaffung eines Erlebnis-Klimas jenseits von Stress, Leistung, Erfolg und zunehmender Beschleunigung des täglichen Lebens. Es geht darum gemeinsam mit den „Snow-Usern“, das sind Gäste gleichermaßen wie Anbieter, Lösungen für Bedürfnisse, Wünsche und Visionen zu erarbeiten. Getragen ist das gesamte Projekt von den Gedanken und Methoden moderner Kunst-, Design- und Bewegungs-Vermittlung.
Die Neuschnee Gedanken
Immer wenn der Kunde das Produkt hackt* – es seinen Zwecken entsprechend selbst zu adaptieren beginnt – spätestens dann ist der Anbieter gefordert über die Modifikation seines Angebotes nachzudenken. Aus der reinen Marktforschung sind im Umfeld eines aktiven und entwickelnden Kunden kaum hilfreichen Antworten zu bekommen.
In den Kunden hineinfühlen, Produktentwicklung als einen offenen und interaktiven Prozess begreifen und diesen Weg gemeinsam mit dem Kunden gehen. Der interaktive, kreative, und künstlerisch orientierte Ansatz hat in anderen Industrien bereits seinen festen Platz eingenommen. Es ist also an der Zeit diesen Weg auch im Tourismus zu beschreiten.

Urban Skiers Garage - Photo by Max Werdenigg
Ein wesentliches Feld der Kunst- und Designvermittlung sind partizipative Gestaltungsprozesse. D.h.: Gemeinsam mit dem User, dem Rezipienten, dem Gast usw. (damit sind alle gemeint, für deren Nutzen man etwas gestalten soll) erarbeitet die Gestalterin, der Gestalter Lösungen für Bedürfnisse, Wünsche, Visionen der User. Dabei ist der Künstler/Designer oft Übersetzer, der den Useranforderungen eine konkrete “Form” gibt. Die Universität für angewandte Kunst in Wien (“die Angewandte”) kultiviert diese Form der künstlerisch-gestalterischen Arbeit und nimmt dabei im internationalen Kontext ein Vorreiterrolle ein.
Das Projekt Neuschnee erlaubt es uns gemeinsam mit Gästen in Kühtai in einer experimentellen Laborsituation neue Qualitäten des Wintersportes zu erschließen, mit folgenden Zielen:
- Schaffung eines Erlebnisklimas abseits von Leistung, Stress und zunehmender Beschleunigung unseres täglichen Lebens.
- Erfahrung von Skifahren als eine Tätigkeit, die den individuelle Bedürfnissen, Fähigkeiten und Wünschen angemessen ist.
- Erschliessung der winterlichen Berglandschaft als schöpferischen Erlebnissraum.
- Lustvolles wahrnehmen von Bergen, Schnee (ob Bruchharsch oder Pulverschnee) und Wetter (es gibt kein schlechtes Wetter!) mit allen Sinnen (Sehen, Fühlen, Hören, Riechen, Schmecken!)
Dabei wollen wir uns nicht nur in die Rolle des Gastes versetzen, sondern auch die Gastgeber in die Ideenentwicklung miteinbeziehen.
Der daraus entstehende Perspektivenwechsel soll letzendlich einer nachhaltigen guten Beziehung aller Beteiligten im Wintertourismus dienen.
James Skone
Univ. für angewandte Kunst, Wien
“Mit dem Projekt Neuschnee verbinden wir den Wunsch, das emotionale Erlebnis eines wunderschönen Freiluftsports noch mehr in den Vordergrund zu rücken. Viele Gäste kommen kaum mehr mit Schnee in Berührung und genießen einen Aufenthalt in Kühtai in vollen Zügen, da es nicht nur beschneite Pisten gibt, sondern man in einer verzauberten Winterlandschaft die Seele baumeln lassen kann und sich so manche Kinheitserinnerung (Wo kann man heute noch einen Schneemann bauen?) wieder einstellt. Diese Emotionen, mit allen einhergehenden Empfindungen zu Wetter, Temperatur, Schnee, Geschwindigkeit, aber auch Erhabenheit der Landschaft – sollen durch den Workshop und das ganze Projekt nicht “herausgearbeitet”, sondern in spielerischer Form erfahren werden.
Wir hoffen, uns dem Thema “Skifahren” von einer etwas anderen Seite zuwenden zu können, und freuen uns auf spannende Tage im Kreise interessanter Menschen in Kühtai!”
Wolfgang Suitner, Geschäftsführer, Tourismusbüro Kühtai
Neuschnee – Neuland betreten, die erste Spur ziehen!
*) Hacking wird in diesem Zusammenhang nicht als destruktiver und schon gar nicht als krimineller Akt, sondern als strategische Kunst der Zweckentfremdung, Entwicklung kreativer Subversionsstrategien und Verfahren der Umcodierung durch den Kunden gesehen.
Was ist Cultural Hacking? – Interview mit Franz Liebl





